Bio-Kartoffeln im Hestert      

Als wir vor vier Jahren zum ersten Mal auf einer Fläche von fünf Fußballfeldern Kartoffeln anpflanzten, schlug unser Senior Hans-Heinrich Etzold die Hände über dem Kopf zusammen. "Das wird nie was geben", warnte er. Unsere Böden seien viel zu schwer.

Ganz Unrecht hatte er nicht. In der Tat ist der Lehmanteil bei uns recht hoch: Das Pflanzbett erwärmt sich langsamer als auf sandigen Böden und bindet eher die Feuchtigkeit. Was in trockenen Sommern ein Vorteil ist, kann im Herbst dazu führen, dass der Kartoffelroder mehr Dreckklumpen erntet als Erdäpfel. Wir haben schon sehr geflucht, wenn wir von Hand Stunde um Stunde, Tonne für Tonne die "Spreu vom Weizen" trennen mussten. Ich sag´s Ihnen: Man kriegt dann ein ganz anderes Verhältnis zur Salzkartoffel auf dem Mittagstisch, und ich habe ihr auch schon mal mit viel Schwung die Gabel ins gelbe Fleisch gestoßen. Aber so, wie die Pflanzen auf unserem Feld wachsen, so wächst auch der Respekt vor dem Lebensmittel, das vom Konsumgut zum Genussobjekt aufsteigt. Verstehen Sie, was ich meine? Es ist dieses andere Bewusstsein, dass entsteht, wenn ich eine Pflanze gedeihen sehen, den Boden fühle und rieche, der ihren Wurzeln halt gibt.

Wir haben uns also rangefuchst und wissen nun ganz gut, wie wir die Kartoffeln erfolgreich in und aus der Erde bringen. Auf das Ergebnis sind wir richtig stolz. So schöne, hellschalige und dazu noch wohlschmeckende Kartoffeln in Bio-Qualität erntet noch längst nicht jeder! Übrigens sind besonders die Schalenfarbe, und auch der Geschmack ein Resultat unseres schweren Bodens.

Ein bisschen was Praktisches: Kartoffeln gehören zu den stark zehrenden Feldfrüchten und werden darum nur alle fünf Jahre auf ein und dem selben Feld angebaut. Damit die Pflanze im Frühjahr gleich richtig loswachsen kann, versorgen wir im vorangehenden Sommer den Boden mit Mist von unseren Tieren. Eine hinein gesäte, tiefwurzelnde Zwischenfrucht bindet die Nährstoffe und schließt sie auf. Sie reichert den Boden mit weiterer organischer Masse an, wenn sie selbst im Spätherbst eingearbeitet ist. Die Pflanzkartoffel erwartet im April des Folgejahres ein feinkrümeliger, lockerer Boden, den sie gerne mag.

Das gesamte Pflanzgut stammt aus ökologischem Anbau. Wenn möglich, erzeugen wir es selbst, indem wir eine bestimmte Größe Kartoffeln in flache Kisten sortieren und mit Hilfe von Licht und Wärme zum Keimen bewegen. Eine Legemaschine pflanzt die in Wachsstimmung gebrachten Knollen in das Erdreich. Um konkurrierendes pflanzliches Leben im Boden, die so genannten Beikräuter, im Zaun zu halten, striegeln und hacken wir die Kartoffeldämme mehrfach. Hartnäckige Vertreter, wie Hederich und Ackerkratzdistel, dezimieren wir von Hand. Diese Verfahren sind sehr viel aufwendiger und manchmal schlichtweg "Maloche" gerade im Vergleich zum konventionellen Wegspritzen der Schmarotzer mit Herbiziden.

Nun, wir sind auch keine Träumer und Rückenschmerzen nicht die Würze unserer Leben. Aber unser Ziel und unser Ehrgeiz ist es, den Acker in ein Gleichgewicht zu bringen. Eine sehr gut stehende Kulturfrucht ist die beste Krautbekämpfung. Wenn eine Kartoffelpflanze schwach bleibt, so hat das einen Grund. Unsere Aufgabe ist es, die Ursache möglicher Fehlentwicklung zu erforschen und  zu mindern, nicht Schwächelndes großzuspritzen.

An Frühkartoffeln bauen wir in diesem Jahr auf unserem Naturhfdie Sorten Frühgold und Rosara an. Rosara ist rotschalig, gelbfleischig und vorwiegend festkochend und dabei sehr aromatisch. Die hörnchenförmige Frühgold hat eine gelbe Schale, ist fester kochend und eignet sich gut für Salate. Etwas später ernten wir die festkochenden Sorten Vienna und Ditta. Ditta hat sich bei uns über Jahre bewährt, und wir bieten sie unseren Kunden von August bis zum nächsten Mai an. Ditta ist gelb in Schale und Fleisch und so fest, dass mann/frau sie auch ruhig mal auf dem Herd vergessen kann. Darüber hinaus ernten wir die rotschalige Laura, die sich länger lagern lässt als Rosara. Für die Freunde mehliger Kartoffeln haben wir Afra im Angebot. Da wir uns bemühen möchten, das Erbgut früher einmal üblicher Kartoffeln zu erhalten, pflanzen wir in diesem Jahr die blaufleischige Vitelotte, eine französische Trüffelkartoffel, und die seit 130 Jahren bekannte, hörnchenförmige Sorte La ratte.