Von Tier zu Mensch

Wer ich bin? Also ich bin ein Sus scrofa domestica. Oder um es mal diletant auszudrücken: Ich bin ein Hausschwein. Meine Artgenossen und ich sind die domestizierte Form des Wildschweins und werden vermutlich schon seit 9000 Jahren von den Menschen gehalten, damit die was zu beißen haben. Uns nämlich. Aber Schwamm drüber. Seitdem ich mich zwinge, jeden Tag nach ein bisschen Glück zu wühlen, bin ich zufrieden. Jetzt will ich was von den Menschen erzählen, die uns auf ihrem Naturhf ein schönes Leben bescheren.

Da ist erstmal der Bauer Reinhard Schmidt-Etzold. Wie sein Name schon andeutet, öffnete er nicht als Etzold die Äugelein. Vor bald 50 Jahren wurde Reinhard als weiteres Mitglied des Schmidt-Rudels in der schönen Hansestadt Bremen geboren. Wie sein Vater, der eigentlich lieber Landwirt als Bürohengst geworden wäre, wollte Reinhard schon als kleiner Junge Bauer sein. Die Familie pachtete Weiden und hielt Pferde. Und klein Reinhard hatte nix besseres zu tun, als von seinem Konfirmationsgeld einen Trecker für die Feldarbeit zu kaufen. Im städtischen Gymnasium hieß er dann nur noch "der Bauer". Nach dem Abitur schloss er eine landwirtschaftliche Lehre mit Gehilfenprüfung an und studierte Agrarwissenschaften an der Universität in Göttingen:  Die Profs moppten seinen Titel zum "Diplom-Bauern" auf. Einen Hof wollten sie ihm keinen schenken.. Das Schicksal meinte es gut mit Reinhard. So lernte er 1986 auf der Grünen Woche in Berlin die Bonner Agrarstudentin Miriam Etzold kennen. Der Reinhard grunzte: Sie war blond und blauäugig.. und hatte einen Hof am Niederrhein. Miriam war neben zwei großen Brüdern das Nesthäkchen der Familie gewesen. Eigentlich hatte sie Tiermedizin studieren wollen, aber weil es am Hofnachfolger mangelte, entschied sie sich für die Landwirtschaft. Ihre Tiere würde sie auch dort therapieren können. Schnell waren zarte Bande geknüpft. Während nach und nach vier Kinderchen im Stroh wühlten, kochte ein emanzipierter Opa Hans-Heinrich das Mittagessen. Reinhard und Miriam entwickelten in  -logischer Wirtschaftsweise unseren rund 42 Hektar großen  Naturhf ...

Ne, ganz so einfach war es denn doch nicht. Selten führen Wege straight geradeaus. Sie müssen wissen, die Miriam war schon immer ein Schreiberling. Und irgendwann war ihr unser Dreck, der von uns Sauen und den Mastschweinen im Stall nebenan, zu viel. Das Schicksal wollte es, dass sie beim Kävels Bläche, einem einzigartigen, ortsansässigen Verlag mit Wochenzeitung eine feste Stelle bekommen konnte. Ihre Chefs, Delia Evers und Martin Willing, glaubten an ihr journalistisches Talent und bildeten sie zur Redakteurin aus. Nach sechs Jahren, also erst im Oktober 2005 kehrte sie zu uns zurück. Reich an Erfahrung, reich an erfüllenden Erlebnissen mit Menschen, reich an schönen Ideen für einen Naturhf. Und nun geht hier die Post ab. Der Reinhard hat das Know-How, die Miriam das Feeling, die nötige Power.. und die Bankvollmacht.

6 Hektar Wald liefern Feuerholz und Weidepfähle. Über 4,5 Hektar Dauergrünland freuen sich wir Freilandschweine, Hühner und die Gnadenbrotpferde Duffy und Taran. Auf 30 Hektar Acker wachsen Sommergetreide, Mais und Winterweizen; außerdem Gemüse wie Erbsen, Buschbohnen, Möhren, Spinat und natürlich Kartoffeln. Zwischenfrüchte wie Kleegras zum Beispiel ergänzen die vielseitige Fruchtfolge. Eigene Erzeugnisse werden im "Großen" an die Industrie und im "Kleinen" in Kombination mit nach Bio-Richtlinien zugekauften Produkten über derzeit zwei Rheinische Bauernmärkte verkauft. In Ställen und Außenhütten wachsen die eigenen Ferkel zu Mastschweinen heran. Der Bio-Schlachthof Thönes in Wachtendonk verarbeitet für Sie unser köstliches Bio-Fleisch. So schließt sich der Kreislauf. Wir kehren zum Beginn dieser Geschichte zurück: Schon vor 9000 Jahren waren wir die Haustiere der Menschen. Ich wühle jede Tag nach ein bisschen Glück. Auf dem Naturhf finde ich es. In der Erde. Und die Wurzeln von Disteln sind echt die leckersten!