Sauen im Freiland

Tatsächlich waren es die Wollschweine, die uns auf die Idee
brachten, Sauen im Freiland zu halten. Ich hatte gelesen, dass Mangalitzas
ursprünglich eingesetzt wurden, um Flächen urbar zu machen. Sprich die Tierchen
haben mit ihren hochsensiblen Rüsseln die Erde umgegraben, um wohlschmeckende
Wurzeln zu finden. Die würden auch Disteln- und Hederich jäten, dachte ich mir,
als ich mich im Schweiße meines Angesichts bemühte, von Hand unser Bohnenfeld (
5 ha) von diesen hartnäckigen Beikräutern zu reinigen. Herbizide sind ja auf
unserem Naturh
f
nicht zulässig, um Ungleichgewichte zu beheben. Es geht auch ohne, davon bin ich
überzeugt! Schweine könnten doch ein Teil der Fruchtfolge sein, überlegte ich
mir. Sie müssten den Boden "reinigen", bevor wir unser Gemüse einsäten. Ich searchte im Internet und fand,
dass tatsächlich solche Verfahren in der Schweiz
und in Österreich praktiziert werden. Und ich fand Berichte von Betrieben bei
uns in Deutschland, die Sauen im Freiland halten. Tragende Sauen in Gruppen
teilen sich eine größere Hütte, abferkelnde haben ein "Einzelappartement".
Natürlich war alles bei uns in Winnekendonk nicht üblich: der Boden zu schwer,
zu undurchlässig. Insgesamt hohe Anforderung an die Robustheit des Tierhalters,
der bei Wind und Wetter die Viecher auf der Weide betreuen soll. Aber mich
faszinierte der Gedanke: Kein Sauenabferkelkäfig neben dem anderen. Stattdessen
isolierte, Stroh eingestreute Zelte, in denen die Ferkel geboren werden. Und
unsere Böden? Wir würden die Flächen wechseln. Sie ein Teil der Fruchtfolge sein
lassen. Nun, ich muss vorwegschicken, ich weiß, wie Sauen zu händeln sind. Von
Kind an habe ich sie in normalen Ställen betreut, die Geburt überwacht, Hilfe
geleistet, wenn nötig. So ganz unbeleckt gingen wir also unser "Abenteuer" nicht
an. Schnell waren die ersten tragenden Sauen gekauft und hölzerne Abferkelhütten
zusammengewerkelt. Wie sollten wir der Sau klar machen, dass sie in der Hütte
ihre Ferkel gebären
sollte? Mit Futter... mit zarter Gewalt... einsperren, wenn
sie denn dann drin war?? Und wie sollten wir sie - etwa 180 kg schwer und
ausgewachsen noch schwerer - davon abhalten, ihre winzigen Ferkel - knapp
1 kg - zu erdrücken? Es gab keine Schutzgitter für die Kleinen.. Als der
Abferkeltermin der ersten Sau nahte, habe ich Stunde um Stunde neben der Hütte
gewacht. Durch das kleine Fenster reingepeilt. Es war eine Nacht im Januar 2006.
Frost. Keine wärmende Lampe oder Wärmematte für die Neugeborenen im "Zelt"..
Keine Stallheizung für mich draußen, kein Licht. Dick angezogen, Taschenlampe in
der Hand. Dennoch war ich gerade nicht da, als die ersten Ferkel geboren wurden.
Ich fand die Sau, wie sie unruhig in ihrer 3,20 mal 1,60 Meter großen Hütte
unruhig hin und her tippelte. Unter sich drei Frischgeborene. Sie legte sich.
Unter sich ein Ferkel. Es quietsche. Sie wieder hoch. Wieder hingelegt.
Quietschen. Was sollte ich tun? Die Ferkel raus fangen? Wie? In die enge Hütte
zu der Sau kriechen? Gefährlich. Und wohin dann mit den Ferkeln? Die Sau hatte
ihre Hütte allein durch ihre K
örpertemperatur
wohlig angewärmt. Ich entschied mich, abzuwarten. Irgendwann hatte sie "es"
raus. Ganz behutsam gelang es ihr, ihre Kinder in eine Ecke zu stupsen und sich
hinzulegen. Irgendwann hatten es die Ferkel von ihrem Instinkt geführt
geschafft, an ihr prall mit Milch gefülltes Euter zu robben. Endlich floss die
Milch in die hungrigen Mäuler. Die Sau entspannte sich, ein tiefes Grunzen. Ihr
Schwanz wippte. Zwei Presswehen. Ein weiteres Ferkel im Stroh. Schließlich war
der Wurf mit zehn lebenden und einem toten Neugeborenen komplett.
Bald hatten fünf Sauen geferkelt. Dann zwölf, irgendwann unser momentaner Bestand von
54 Muttertieren. Viele hatten die Geburt souverän bewältigt. Wenige machten Probleme. Ich
entdeckte viele Parallelen zu Frauen, die Kinder bekommen. Oftmals sind es die
Schmerzen und die daraus resultierende Angst, die eine Geburt lähmen. Einmal
mus
ste ich tatsächlich die Ferkel weg fangen, weil ihre übernervöse Mutter sie
sonst tot gebissen hätte. Als am Ende der Geburt die Wehen nachließen, beruhigte
sie sich von selbst, und ich konnte jedes einzelne Ferkel zurücktragen. Eine
andere Sau legte sich auf den Bauch, um nicht zu säugen. Es ziept nämlich ein
bisschen, wenn "Kinder" die ersten Schlucke aus einer vollen "Brust" nehmen. Ich
habe meine warme Hand unter das Tier geschoben und ihm geduldig das Euter
massiert. Ich spürte, wie wohl der Sau meine kleinen Bewegungen taten. Immer ein
Stückchen weiter habe ich sie geradezu auf die Seite ge"streichelt"; dann ihre
"Striche angezogen", dass die Milch im hohen Bogen rausspritzte. Der unangenehme
Druck verminderte sich. Schließlich ließ sie es zu, dass ich die Ferkel
ansetzte.
Nach unseren ersten
"Gehversuchen", ist etwa ein Jahr vergangen. Wir haben manches mit unseren Sauen
erlebt. Es ist sicher nicht alles "glatt" gegangen, aber unter dem Strich war es
kein schlechter Anfang. Es ist ein tolles Erlebnis, wenn 140 drei Wochen alte
Ferkel auf der Weide fangen spielen... oder 15 davon wieder ein Loch im Zaun
gefu
nden haben. Die Freilandhaltung begeistert mich noch immer. Ich arbeite
daran, meine Fehler zu korrigieren. Meine Lehrmeister sind die Schweine. Je
besser ich ihr Wesen begreife, desto leichter ist es, das Richtige zu tun. Schon längst quäle ich mich nicht mehr damit, die neue Sau auf der Weide in eine Hütte
zu zwingen. Ich streue dem hungrigen Tier ein wenig Futter hinein und schnell
lernt es den Weg von alleine.. Ich bemühe mich nicht mehr, mit Hilfe von
Elektrozäunen die Sauen einzeln zu halten. Schweine sind Rudeltiere. Sie möchten
zusammen sein. Erst kurz vor der Geburt, sondert sich das hochtragende Tier ab,
um ungestört ein Nest zu bauen. Im Sommer hatte sich schon mal eines ein
Plätzchen unter einem Apfelbaum gesucht, die meisten anderen nahmen eine Hütte
als ihre "Geburtshöhle" gerne an. Nur einmal habe ich erlebt, dass zwei
Jungsauen zusammen ein Quartier bezogen haben und gemeinsam 24 Ferkel zur Welt
brachten.
Es ist ganz wichtig, dass wir
unseren Sauen Ringe in die Nase ziehen. Ohne "Piercing" würden die Schweine ihre
Weide in wenigen Tagen in eine einzige Kraterlandschaft verwanden. Der Ring
verhindert auch, dass die Sau sich zum Abferkeln eine zu tiefe "Mör
der"-Kuhle
wühlt, in der sie die Ferkel leichter erdrücken könnte. Das A und O unserer
Tierhaltung im allgemeinen, aber insbesondere der Sauhaltung auf der Weide, ist ein
gutes Verhältnis zu den Vierbeinern. Ich spreche mit ihnen, ich setze mich zu
ihnen, ich kratze ihre Rücken und massiere ihre Euter schon lange vorm
Geburtstermin. Unser gegenseitiges Vertrauen hilft, wenn es brenzlig wird. Doch
darf ich nie den Fehler machen, eine "Mutter" zu unterschätzen. Sie kann sehr
angriffslustig reagieren, wenn die eigenen "Kinder" oder die von anderen in
Gefahr zu sein scheinen. So habe ich mal ein Ferkel aus einem sehr großen Wurf
zu einem kleineren umgesetzt. Gerade, als ich den Winzling durch das geöffnete
Hüttenfenster stecken wollte, begann er zu quieken. Ich konnte gar nicht so
schnell aus meiner knienden Position aufstehen, wie die Sau aus der Nachbarhütte
mit Schaum vor dem Maul auf mich zu tobte. Ich ließ das Ferkel los, es quiekte
nicht mehr, und die Sa
u beruhigte sich. Ich gebe zu, ich bin auch mal
gerannt... und böse zurückgebrüllt habe ich auch schon. Damals habe ich mich mit
Fritz angelegt. Er ist unser Wollschweineber und etwa so groß wie ein
Wildschwein. Da ich gerne auf der Weide einen richtigen Familienverbund aus
Sauen, Ferkeln und einem Eber haben wollte, habe ich ihn zu den "Damen"
geholt. Unsern "großen" Pietrain-Eber Walter konnte ich nicht aus seinem
Deckgeschäft entbinden. Und Fritz ist eigentlich ein ganz braves Tier. Wenn ich ihn unter
dem Bauch kraule, legt er sich auf den Rücken, damit es noch Schöner ist. Fritz
hat sich zwischen den Mädels ganz wohl gefühlt und am liebsten mit
irgendwelchen Ferkeln in einer Hütte gekuschelt. So lag er wieder irgendwo rum,
als ich aus der Hütte einer Frischgeferkelten die Nachgeburt und ein totes
Ferkel entfernte. Überlicherweise "reinigen" Sauen ihre Hütte nach der Geburt
selbst, indem sie Häute und Nabelschnüre auffressen. Diese Sau mochte wohl
Schweinemehl lieber.
Als ich dann etwas in Gedanken
versunken mit ihren Hinterlassenschaften über die Weide zog, sah ich nur im
Augenwinkel Fritz wie einen wild gewordenen Keiler auf mich zu p
reschen. Wir
hatten schon Hautkontakt, als ich ihn in höchster Not mit unflätigen
Schimpfworten ganz fürchterlich zusammenstauchte und ihm in Ermangelung eines
Knüppels die Nachgeburt um die Ohren schlug. Fritz staunte, zögerte, stemmte
seine Vorderhufe in das Erdreich, zog ab. Glück gehabt. Am nächsten Tag zogen
wir ihn von der Weide ab. Für unangemessene Vaterallüren habe ich nun gar kein
Verständnis.
So ist das also. Manchmal bin ich
etwas entnervt, wenn die Ferkel, die etwa mit 14 Tagen selbstständig die Hütte
verlassen, sich in den Häuschen fremder Mütter einfinden, und die plötzlich 20
hungrige Mäuler füllen sollen. Oder wenn sich größere Ferkel auf eine Sau mit
kleineren stürzen, weil deren Milch besser schmeckt. Das "Chaos" kann dazu
führen, dass schwächere Tiere verhungern. An dem Problem muss ich noch arbeiten.
Wenn ich es hingekriegt habe, stocke ich den Bestand auf.

Grundsätzlich kann ich mir gar
nicht mehr vorstellen, Sauen in üblichen Abferkelkäfigen zu halten. Sicherlich
ist der Umgang mit den Tieren einfacher: Tür auf, Sau rein, Tür zu. Unruhige
Sauen bekommen eine Beruhigungsspritze, Wehenschwäche kann mit Wehenmittel
reguliert werden, die Sau kann sich nur hinlegen und wieder aufstehen, sich
nicht frei bewegen, kein Nest bauen, nicht ihre Ferkel umhegen. Sie muss den ihr
zugewiesenen Raum mit ihren Exkrementen beschmutzen, was sie sonst nie tun
würde. Schweine sind nicht nur sehr reinlich, sondern auch sehr empfindsam und
klug. Abferkelkäfige bzw. fixierende Kastenstände im allgemeinen unterbinden
komplett ihre Natur. Meine Arbeit mit den Tieren in ihren Hütten ist
gelegentlich Kriecherei und bei Wind und Wetter nicht komfortabel. Ich werde nie
einen Bestand von 400 Sauen haben. Noch sind meine Ferkelverluste zu hoch.
Überw
iegend ist mein Management die Ursache. Aber ich setze so gut wie keine
Medikamente ein, ich brauche sie nicht. Genauso wenig wie einen High-Tec-Stall.
Die Tiere - es sind ganz normale, in konventionellen Haltungen übliche Schweine
- bringen ihre Leistung, weil sie ihren Ur-Instinkten folgen dürfen. Und, weil
ich versuche, sie mit Liebe, Respekt und Konsequenz zu führen. Das ist ein
ausgesprochen beglückendes Erlebnis. Etwas, das mich jeden Tag aufs neue
beflügelt. Das ist schön!